Chronik des Hauses bei der St. Johanniskirche 12

Geschichte ist spannend, wenn sie nah erlebbar ist. So ist es für mich eine Freude und Pflicht, die durch die Jahrhunderte währende Vergangenheit dieses Hauses zu ergründen und in Ehren zu halten und den Verlauf der Geschichte mit Leben und Anekdoten lebendig zu erhalten. Aufgrund einer dendrochronologischen Untersuchung der Balken des Dachstuhles im Jahre 2001 lässt sich eindeutig feststellen, dass die Eichenstämme für das Gebälk im Winter 1461/62 geschlagen wurden, das Haus demnach wahrscheinlich 1462/63 erbaut wurde.

Das Haus „Bei der St. Johanniskirche 12“, heute Sitz der Internistischen Praxis Johanniskirche der Dres. Struck & Gade, wurde urkundlich erstmals 1562 erwähnt, wobei aus den Urkunden des Stadtarchivs erstmals eine Frau Ursula Prahl, Tochter des Münzmeisters Dietrich Prahl und Frau Magdalene von der Heide, als erste Besitzer des Hauses erwähnt wurden. Dietrich Prahl besaß das Brauhaus Bei der St. Johanniskirche 11/12. Es befand sich damals als Brauhaus im Sandviertel unserer Stadt neben dazugehörigen 6 Hinterbuden im Hof und war sicherlich von besonderer Bedeutung. Bis 1748 wurde dort Bier gebraut. Lüneburg war zwar keine „Bierstadt“ wie Einbeck oder Wismar, sondern „Salzstadt“. Jedoch weist die älteste Brauerrolle vom 7.1.1488 aus, dass sich -„der God sy gelovet“- das Brauwerk in der Stadt von Tag zu Tag blühender entfaltete. Zählte man 1418 lediglich acht Brauhäuser in Lüneburg, so gab es 1580 bereits derer achtzig, denn Bierbrauen erwies sich als ein recht einträgliches Geschäft.

Wie Jahrhunderte zuvor Handwerker durch Salzsieden zu Wohlstand gekommen waren und in Lüneburg als Sülfmeister das Stadtregiment führten, so waren es nun ausgangs des Mittelalters wiederum Handwerker, die ihren Beruf aufgaben und das Bierbrauen wegen seiner Einträglichkeit als Haupterwerb betrieben.

Brauerlaubnis vergab der Rat der Stadt nur an Bürgersöhne. Er achtete aber auch darauf, dass Taverner und Herbergierer - Gastwirte würden wir heute sagen - kein Mischbier ausschenkten, „volles Maß hielten“ und nur einwandfreies Bier „over delen“ (außer Haus) verkauften; denn auf Bierverkauf wurde eine Steuer, die „Bierziese“, erhoben, die sich für die Stadtkasse als recht einträglich erwies. In zahlreichen Kneipen und Gaststätten konnte man seinerzeit seinen Bierdurst stillen:

  • im Marktviertel gab es den „Fohlen- und Jungenkrog, den stolten Buer und den halben Swienskopp“.
  • im Wasserviertel trank man sein Bier im „dreckichten Saum, im hölten Küssen, im Bockstal, im Storchennest und im stifen Hot“.
  • im Sandviertel konnte man im „stolten Flegel, im Kübelkrog, im Stöfsack und im Pracherkrog“ zechen und
  • im Sülzviertel stand ein kühler Trunk im „Ossenkrog, im apenen Schapp (Schrank), im Kattenkop, in der verstörten Bibel und im drögen Bock“ bereit.
  • Nach den Sülfmeistern, die in Lüneburg die gesellschaftliche Oberschicht bildeten, zählten die Bierbrauer als selbstständige Unternehmer zur oberen Mittelschicht. Mitglieder der Brauergilde wurden bevorzugt in die Bürgerausschüsse berufen, die der Rat der Stadt im 16. Jahrhundert bei der Behandlung schwieriger Sachfragen einzurichten pflegte, um die Meinung der Bürgerschaft zu erfahren. 1619 schließlich erreichten die Brauer die politische Gleichstellung mit den Sülfmeistern. Auf Weisung Herzog Christians erhielten sie 3 von 16 Sitzen im Rat der Stadt und damit die Ihnen lange Zeit vorenthaltene Ratsfähigkeit.

    Dass die Brauer Männer von Tatkraft, Bildung und ausgeprägtem Geschäftssinn in ihren Reihen hatten, sei an zwei Beispielen verdeutlicht:

  • Der Brauerältermann (Vorsteher der Brauergilde) Jürgen Hammenstede (1524 -1592), jahrelang Sprecher des Bürgerausschusses, war in Lüneburg als Sohn eines Apothekers geboren, umfassend gebildet, weitgereist, des Lateinischen und der italienischen Sprache mächtig. Als Stadtpatriot und Stadtchronist mahnte er seine Mitbürger. „Civis est, qui patriam diligit!“ (Ein guter Bürger ist, wer sein Vaterland (hier wohl Vaterstadt) liebt! Jürgen Hammenstede nennt die ersterwähnte Bewohnerin dieses Hauses Ursula Prahl „meiner braven Mutter Schwester“)
  • Der Brauer Heinrich Kröger hatte es zu Wohlstand gebracht. Als Mäzen richtete er für begabte Schüler am Johanneum und an der Michaelisschule ein Stipendium ein, „da Gott ihn in Lüneburg ziemlichermaßen mit zeitlichen Gütern gesegnet“ habe.
  • Die Brauherren Bei der St. Johanniskirche 12 werden ähnlichen Nutzen aus Ihrem Gewerbe gezogen haben. (Das respektable Brauhaus mit dem stattlichen Dreiecksgiebel rechtfertigt jedenfalls eine solche Vermutung).

    Abschließend sei aber noch vermerkt, dass das Lüneburger Bier damals nicht Spitzenqualität hatte. Der Rat der Stadt nämlich pflegte seine auswärtigen Gäste, z.B. die Vertreter der Hansestädte auf den „tohopesaten“, den Vollversammlungen des Hansebundes, mit Einbecker- und Hamburger Bier zu bewirten, von denen stets größere Vorräte im Ratsbierkeller lagerten.

    Danksagung

    Zu allererst danke ich ganz herzlich meinem Vater für die aufwendige und engagierte Recherche im Archiv der Stadt, um aus Aufzeichnungen, Urkunden und Einwohnerbüchern fast lückenlos Besitzer und Bewohner des Hauses seit 1532 zu ermitteln. Ferner bin ich Herrn Dr. Elmar Peter zu besonderem Dank verpflichtet, dem die wesentlichen anekdotischen Hintergründe zu verdanken sind (vielen ist Dr. Peter als Verfasser der 1999 erschienenen und allen interessierten Lesern wärmstens zu empfehlenden Chronik „Lüneburg - Geschichte einer 1000jährigen Stadt, 956-1956“ und weiterer Chroniken bekannt). Letztendlich möchte ich der Stadt Lüneburg und dem Amt für Denkmalschutz danken für die Durchführung der dendrochronologischen Untersuchung im Rahmen der Erstellung eines Denkmalschutzkatasters der Stadt.

    Dr. O. Struck


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    Internisten bei der St. Johanniskirche - Dr. O. Struck und Dr. Ch. Gade
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